Schmatzen, Atmen, Schnarchen: Wenn Alltagsgeräusche zur Qual werden
Shownotes
Misophonie: Kauen, Schlucken, Tippen, Räuspern – Geräusche, die den meisten von uns kaum auffallen, lassen bei bei Menschen die Hutschnur platzen. . Misophonie (wörtlich „Hass auf Geräusche“) wurde erst in diesem Jahrtausend als das beschrieben, was sie ist. Eine oft quälende neurolopsychologische Auffälligkeit mit selektiver Überempfindung gegenüber (meist menschgemachten) Alltagsgeräuschen. Betroffene reagieren hoch emotional und oft körperlich: Herzrasen, Wut, Ekel und Aggressionen können so weit gehen, dass es zu Problemen mit den Mitmenschen kommt. In dieser Folge sprechen Franca und Christian über dieses Phänomen, das lange übersehen wurde. Sie erklären, warum der Begriff noch keine offizielle Diagnose ist, wie häufig Misophonie vorkommt (öfter als gedacht!) und wie sie entstehen könnte. Ob vielleicht sogar einer von den Beiden selbst betroffen ist und was helfen könnte, erfährst du ebenfalls in dieser Folge. Und keine Sorge, unangenehme Geräusche wird’s beim Hören nicht geben.
Hier eine interessante Studie zu Misophonie aus UK: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0282777
Hier sind weitere interessante Seiten: https://misophonie.de/ und https://www.misophoniehilfe.de/
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Transkript anzeigen
00:00:01: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Episode Psychologie To Go.
00:00:05: Das ist dein Podcast für hilfreiche Gedanken und Impulse direkt aus meiner psychotherapeutischen Praxis.
00:00:13: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Psychologie To Go.
00:00:16: Bevor diese Aufnahme heute starten konnte, musste ich erst mal eine Uhr aus dem Studio wegräumen, die
00:00:23: viel
00:00:23: zu laut getickt hat.
00:00:25: Und unter anderem darum soll es heute mal gehen.
00:00:28: Es geht um... Die Empfindlichkeit bestimmten Geräuschen gegenüber, aber vor allen Dingen geht es darum, wie extrem sich das steigern kann, dass manche Menschen wirklich einen Hass auf bestimmte Geräusche entwickeln.
00:00:40: Und manchmal schwabbt dieser Hass und dieser Ärger und diese sehr große Irritationen über Geräusche leider auch über auf die Menschen, die diese Geräusche produzieren.
00:00:49: Es geht heute um das Thema Miso-Phonie.
00:00:53: Also den Hass auf Geräusche.
00:00:55: Ich bin Franka Tirotti, ich bin Psychotherapeutin
00:00:57: und ich bin Christian Weiß, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
00:01:01: Ich habe in einem Reddit-Forum gelesen, da hat eine junge Frau berichtet, dass sie den Wagon im Zug wechseln musste, weil jemand so laut geatmet hat, dass sie gedacht hat, wenn ich jetzt hier nicht weggehe, passiert ein Anschlag.
00:01:15: Und so sinngemäß habe ich viele Sachen in diesem Forum gelesen, dass Leute wirklich in einer Art und Weise wütend werden, zum Beispiel über Atem oder Kaugeräusche, dass sie wirklich denken, ich kann für mich selbst nicht mehr garantieren.
00:01:29: So in Anführungszeichen getriggert fühlen die sich davon und so starke Wut und so starke Impulse kommen hoch, dass man glaubt, das nicht mehr kontrollieren zu können.
00:01:37: Unter Umständen kann es sogar passieren, ne?
00:01:40: Ja, tatsächlich habe ich auch, das ist schon länger her, aber mal eine Dokumentation gesehen über Menschen, die eben unter dieser überaus stark ausgeprägten sensorischen Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen leiden.
00:01:51: Und diese junge Frau hat regelrecht Löcher in ihre Rieh-Gipswand geboxt.
00:01:56: Wenn LKWs vorbeigefahren sind, also bei ihr war der Auslöser Verkehrslärm.
00:02:01: Und weil Fragen danach und nach ähnlichen Phänomenen oder ähnlichen Befindlichkeiten immer wieder mal an uns herangetragen werden, dazu gehört unter anderem auch ein extremes Störgefühl bei bestimmten Bewegungen oder auch ARFIT, die besondere Essstörung über die du, Franka, mal eine Folge gemacht hast.
00:02:19: Und weil sich auch die Entwicklung und Forschung immer mehr auf diese Gebiete bezieht.
00:02:24: Wollen wir heute mal einen Überblick darüber geben, was man dazu tatsächlich wissen kann und wo wir noch weiter forschen müssen?
00:02:32: Eins vorne weg, wenn du zu den Menschen gehörst, die davon betroffen sind, wenn du das von dir selber weißt, wir werden keinerlei Geräusche einspielen oder nachmachen, nach dir da bitte keine Sorgen, wir werden wohl aber beschreiben, welche Arten von Geräuschen oder übrigens auch Bewegungen, denn es gibt auch die Mesokinesie, das heißt, dass Leute ausgesprochen, impulsiv reagieren auf Körperbewegungen, wie zum Beispiel, wenn jemand so schnell mit dem Knie wippt oder zappelt oder ... mit den Fingern trommelt oder so.
00:03:03: Also auch das fällt da rein.
00:03:05: Also keine Sorge, wir machen nichts dergleichen nach, aber wir sprechen drüber.
00:03:10: Bei diesen, ich sag jetzt mal, Störungsbildern handelt es sich um welche, die noch keinen Eingang in unsere Klassifikationssysteme gefunden haben.
00:03:18: Also weder in den amerikanischen DSM noch im deutschen und weltweiten ICD, weder zehn noch elf, finden sich die als richtige Begriffe und sind auch so nicht zu verschlüsseln.
00:03:29: Nichtsdestotrotz sind sich Wissenschaftler und Kollegen im Grunde genommen einig, dass es diese Bilder tatsächlich und wahrhaftig gibt und dass die Frühjahr oder später auch in die Klassifikation reingenommen werden müssten.
00:03:41: Dass wir noch nicht ganz so weit sind, merkt man schon daran, dass sich die Wissenschaftler rund um die Welt aber mit einer abgeschlossenen Definition immer noch schwer tun.
00:03:49: Also ich glaube die beste Annäherung, was Misophonie eigentlich ist, Und wie man das aktuell so nach dem Stand der Forschung versteht, also es handelt sich um eine verminderte Toleranz gegenüber bestimmten Geräuschen oder eben anderen Reizen.
00:04:03: Und diese Reize werden als unangenehm, als belastend erlebt.
00:04:07: Sie lösen ganz starke, negative Emotionen aus, manchmal auch körperliche Verhaltensreaktionen, also Stressreaktionen, die andere Menschen nicht haben.
00:04:16: Dabei geht es nicht um die Lautstärke der Geräusche, sondern häufig geht es darum, dass die Geräusche zum Beispiel repetitiv sind, also ständig wiederholt werden, wenn zum Beispiel jemand kaut oder atmet oder im Zug neben dir so mit dem Fuß wippt.
00:04:31: Also das ist zentraler als die Lautstärke des Geräuschs.
00:04:35: Und auffällig ist auch, dass es sich häufig um Geräusche handelt, die eine andere Person macht.
00:04:40: Ja.
00:04:41: Also
00:04:41: es hat häufig diesen zwischenmenschlichen Aspekt.
00:04:45: Und wenn wir noch ein bisschen weiter reinsuchen, sind es sehr häufig Geräusche, die mit dem Mund oder der Kehle produziert werden.
00:04:52: Also Atmen, Hüsteln, Schmatzen, Schlucken, Kauen.
00:04:57: Also das scheinen für viele Menschen besonders starke Träger zu sein.
00:05:01: Dazu kommt noch, dass ein gewisser Leidensdruck entstehen muss, um von Misophonie oder Misokinesie zu sprechen.
00:05:07: Und es darf natürlich nichts anderes sein.
00:05:09: Also ähnliche Symptome können auch bei anderen Störungsbildern oder Erkrankungen auftreten.
00:05:14: Die extrem schlimmen Gefühle, die wir gerade beschrieben haben, die durch Geräusche entstehen, dürfen nicht dadurch erklärbar sein.
00:05:20: Also das darf nicht erklärbar sein durch zum Beispiel einen vorliegenden Autismus oder eine Zwangsstörung oder einen sogenannten Hyperakusis oder Ähnliches.
00:05:29: Viele von uns, mich eingeschlossen, sind in einer Zeit aufgewachsen, in der überschießende Reaktion auf zum Beispiel Geräusche als Empfindlichkeit und theatralisch abgetan wurden.
00:05:41: Und ich sage gar nicht, dass es das nicht theoretisch auch geben kann, dass jemand selbst darstellerisch und sich selbst in den Mittelpunkt stellen, auf irgendetwas, so früh hätte man gesagt, hysterisch reagiert, mag es geben.
00:05:53: Aber es gibt eben auch das tatsächliche, unkontrollierte, hochgradig emotionalisierte Empfindung auf besondere Reize, auf Bewegungs- und ganz besonders auf akustische Reize.
00:06:05: Ja, nicht schon das Interessant, weil gleichzeitig sind wir alle auch in einer Zeit groß geworden.
00:06:10: Jedenfalls die meisten von uns.
00:06:11: Ich hab das sehr im Ohr, wo es immer hieß, wir sollen nicht schmatzen, wir sollen nicht kauen,
00:06:17: wir
00:06:17: sollen die Füße heben beim Laufen.
00:06:19: Also ich bin schon sehr, sagen wir mal, darauf hingewiesen worden.
00:06:23: Und ich glaube, dass es durchaus einen gewissen kulturellen Aspekt geben mag bei der Misophonie, auf welch Art von Geräuschen man jetzt so besonders emotional reagiert und auf welche nicht.
00:06:35: Also das möchte ich einfach bei den Überlegungen, wo sowas herkommt, nicht ausschließen, dass es wahrscheinlich auch eine starke kulturelle oder biografische Prägung haben könnte.
00:06:45: Hat es auch.
00:06:46: Es gibt sogar Berichte darüber, dass Menschen, die nach Asien kommen, die eigentlich Misophon für das Schlürfgeräusch sind, das nicht mehr so stark empfinden, wenn sie dort sind.
00:06:57: Denn Schlürfen von Suppe ist kulturell anerkannt und bedeutet, dass einem das schmeckt.
00:07:03: Und wenn alle das in Ordnung finden und wenn das anders verbunden ist, dann sind selbst die nicht mehr so sehr betroffen, die eigentlich das Misophon-Geräusch in ihrer Heimat ganz gut kennen.
00:07:13: Nicht, dass es weg wäre, nur besser.
00:07:15: Interessant.
00:07:16: Ich habe eine Studie gefunden, die repräsentativ in England gemacht wurde.
00:07:21: Und ich denke, das ist vielleicht einigermaßen vergleichbar jetzt mit unserem Kulturraum, so im Deutschbrachengraum.
00:07:27: Und da haben Sie Wie gesagt, einer Gruppe von Menschen zwischen neunzehn und dreieinachtzig Jahren.
00:07:33: Also man hat da wirklich auch auf die Repräsentativität dieser Stichprobe geachtet.
00:07:37: Das war nicht wie so oft in Studien einfach irgendwelche Psychologie-Studierenden von der Uni im Alter von fünfzwanzig, sondern das war wirklich eine große gemischte Stichprobe, sehr heterogen.
00:07:45: Und man hat denen eine Liste vorgelegt mit relativ typischen Triggergeräuschen.
00:07:51: Rat noch, was da so drauf stand.
00:07:53: Ein paar haben wir ja schon genannt.
00:07:55: Neben den S-Geräuschen wie... Schlürfen, schmatzen, vielleicht doch sowas wie schniefen.
00:08:01: Alles mit sch...
00:08:02: Ja, ja, Schnarchen.
00:08:04: Zum Beispiel
00:08:05: auch, ja.
00:08:05: Ja, knacken, gelenke knacken.
00:08:07: Ja,
00:08:07: genau, gelenke knacken.
00:08:09: Wir müssen deshalb so lachen, weil das öfter mal Thema ist bei uns in der Familie.
00:08:13: Ja, ansonsten aber auch klopfen und tippen, rascheln, Besteckgeräusche.
00:08:19: Das können vielleicht auch einige Menschen nachvollziehen.
00:08:22: Tastatur tippen.
00:08:24: Nägelknipsen stand auf der Liste und interessanterweise das Essen von matschigen Speisen.
00:08:30: Also es gab eine Liste mit sieben und dreißig verschiedenen Geräuschen.
00:08:34: Und was mich jetzt interessiert, wie viele Leute haben gesagt, ah, das kenne ich, da habe ich ganz fiese Gefühle, wenn ich das und das höre.
00:08:42: Ja, das war interessant.
00:08:43: Und zwar kam dabei heraus, dass die durchschnittliche befragte Person immerhin auf siebzehn von den siebenunddreißig beschriebenen Triggern irritiert reagiert.
00:08:54: Viel.
00:08:54: Das
00:08:55: ist total viel.
00:08:56: Also das heißt, negative Reaktionen sind häufig.
00:09:00: Das kennen total viele von uns.
00:09:02: Und übrigens die meisten negativen Reaktionen gab es tatsächlich für lautes Kauen, Schlürfen, Schnarchen und lautes Atmen.
00:09:11: Das ist so die Top vier der ätzendsten Geräusche für viele Menschen.
00:09:16: Und dann kommt es aber ganz drauf an, man hat ja jetzt Menschen nicht nur diese Liste gegeben, sondern dann hat man auch noch in fünf Dimensionen geschaut.
00:09:23: Was das dann bedeutet sozusagen?
00:09:26: Also wie heftig ist die emotionale Reaktion da drauf?
00:09:29: Also hast du demgegenüber gar kein Gefühl?
00:09:32: Und das waren übrigens aus dieser ganzen befragten Gruppe nur ein Händchen voll Menschen, die wirklich keinem einzigen Geräusch gegenüber keine Emotion hatten.
00:09:41: Die meisten Leute finden irgendwas schon zumindest ein bisschen irritierend.
00:09:45: Aber es gibt ja einen Unterschied, ob du etwas nicht ganz so toll findest oder ob du richtigen Ekel empfindest.
00:09:52: oder sogar richtig Hassgefühle, Ärger oder manchmal sogar Panik bekommst.
00:09:57: Also die Art des Gefühls unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und dann vor allen Dingen auch was ansonsten noch passiert.
00:10:03: Und das fand ich auch ganz interessant.
00:10:05: Es gibt Menschen, die, wenn zum Beispiel jemand mit seinen Gelenken knacken würde, sehr wütend auf die Person werden, auf die knackende Person und dann sagen, wie rücksichtslos und wie dreist.
00:10:18: Und das macht man nicht und muss das sein.
00:10:20: Also sie externalisieren ihre Wut.
00:10:23: Das ist auch die Regel, ne?
00:10:25: Das ist das häufigste, was passiert.
00:10:27: Es gibt aber auch Menschen, die richten das eher so gegen sich selbst.
00:10:32: Also, dass ich jetzt so heftig auf das Schnarchen meines geliebten Partners reagiere, zeigt, was ich für ein schlechter Mensch bin.
00:10:39: Oder die schämen sich dafür.
00:10:41: Also die haben in der Folge ihrer emotionalen Reaktion auf ein Geräusch eine stark negative interne Selbstzuschreibung.
00:10:48: Also mit mir stimmt was nicht.
00:10:50: Ich bin ein schlechter Mensch.
00:10:51: Ich bin nicht für eine Partnerschaft tauglich oder sowas.
00:10:56: Also da haben die Forschenden nachgeschaut und dann noch eben danach, ob das Geräusch sie nur ein bisschen nervt oder ob sie es wirklich bedrohlich finden, ob sie sich belastet fühlen, ob das unendrinnbar für sie ist.
00:11:07: Also man hat hinsichtlich verschiedener Parameter geschaut.
00:11:10: Dann natürlich, welche Auswirkungen hat das auf den Alltag?
00:11:13: Meidest du jetzt Zugfahren, weil da Leute nun mal mit den Füßen wippen und atmen?
00:11:18: Meidest du das Essen mit deiner Familie, weil du sowohl das Kauen als auch das Besteckquitschen vielleicht nicht erträgst?
00:11:25: Gehst du nicht ins Fitnessstudio, weil Leute da schnaufen?
00:11:28: Es gibt ja ganz viele Gründe und je nachdem, wie heftig das ist, dass das in dein Alltag richtig einschneidet.
00:11:34: Und zuletzt haben sie tatsächlich noch geschaut, ob es... entweder tatsächlich Impulsdurchbrüche gibt, dass du also Leute zum Beispiel anschreist, verbal aggressiv wirst oder zumindest Angst davor hast.
00:11:45: Und die Kombination hat man eben sich auch angeschaut.
00:11:48: Also man hatte die Wortliste, wo Geräusche beschrieben wurden und dann noch den Fragebogen, in dem er fast wurde, okay, und welche Ausmaße hat es genau?
00:11:57: Und zusammengefasst, wie viele von den Befragten hatten jetzt so beantwortet, dass man sagen könnte, oh, die haben ja ein echtes Problem.
00:12:06: Ja, also die Forschenden aus UK kommen zu dem Schluss, dass zumindest in ihrer repräsentativen Stichprobe, achtzehn Komma vier Prozent eine echte Belastung hatten durch Misophonie.
00:12:20: Das ist viel.
00:12:21: Das kommt mir auch sehr viel vor.
00:12:24: Ja, zumal, ich glaube, überhaupt nur dreizehn Prozent der beteiligten Menschen jemals davon gehört hatten, dass Misophonien Ding sein könnte.
00:12:32: Aber ich kann es mir auf der anderen Seite vorstellen, dass, ich meine, wie häufig hast du schon gehört, dass Schnarchen zum Beispiel zu einem echten Problem in der Partnerschaft wird.
00:12:42: Das habe ich schon sehr oft gehört.
00:12:44: Das ist auch oft in unseren Klientengesprächen Thema gewesen, nicht so selten.
00:12:48: Ja, und wie oft hast du dann aber auch gehört, dass jemand sagt, boah, ich möchte sehen, dann nicht das Kissen aufs Gesicht drücken und ich mache das wieder.
00:12:54: Kommt auf.
00:12:55: Ja, eben.
00:12:56: Aber an der Stelle sehen wir auch wieder, dass das noch ein zu beforschendes und noch nicht abgeschlossenes Thema ist.
00:13:02: Denn ich habe gerade im Vorfeld gelesen, dass eine deutsche Forschergruppe, die Lebenszeitprävalenz für eine Misophonie auf sieben, vier oder so Prozent einsortiert.
00:13:12: Das heißt, irgendwann mal im Leben bekommen das sieben, vier Prozent der Menschen.
00:13:15: Und die Punktprävalenz, also wie viele Leute haben das im Moment?
00:13:19: Das ist drei, acht Prozent.
00:13:21: Das wäre schon sehr viel.
00:13:23: Ja,
00:13:23: das ist interessant und wie du schon sagst, da muss man vielleicht noch ein bisschen genauer schauen und es ist ja bis dato auch noch überhaupt keine anerkannte Diagnose.
00:13:31: Es steht in keinem Klassifikationssystem und wir haben keine Kriterien, wo man sagen würde, jemand hat oder hat nicht offiziell Misophonie bisher.
00:13:40: Daher kommen da im Moment noch sehr unterschiedliche Zahlen zustande.
00:13:44: Und es ist ein bisschen ähnlich zu den Phobien, also wenn ich... Ein Geräusch hasse wie verrückt, aber es kommt mir im Leben nicht vor.
00:13:52: Mein Partner und meine Partnerin schnarcht überhaupt nicht.
00:13:54: Dann gibt es keinen Leidensdruck und die Störung läge vor theoretisch, kommt überhaupt nicht zum Tragen.
00:14:00: Was mache ich mit meiner Spinnenphobie?
00:14:02: Wenn es nirgendwo weit und breit keine Spinnen gibt, kommt nicht vor.
00:14:06: Dann habe ich sie vielleicht, aber es kommt nicht zum Tragen.
00:14:09: Ja, und es scheint auch ein bisschen veränderlich zu sein.
00:14:12: Ich habe mich ja jetzt an das Thema halt auch ein bisschen eingelesen und auch vor allen Dingen viele Erfahrungsberichte gelesen und das ist jetzt stark subjektiv eingefärbt und ein noch neueres Forschungsthema, aber es scheint zum Beispiel bei Frauen in der Perimenopause zu sein, dass sie nicht nur insgesamt geräuschempfindlicher werden und bei vielen wird auch sowas wie Hyperacusis oder Tinnitus heftiger.
00:14:33: Das ist was ganz anderes eigentlich, aber auch Misophonie wird bei vielen.
00:14:38: Stärker.
00:14:39: Also es scheint da auch Variablen zu geben, die dabei eine Rolle spielen, zum Beispiel vielleicht Hormone oder auch die allgemeine Gestimmtheit, wie es gerade den Stresslevel oder so.
00:14:49: Also ich glaube, vieles spielt da rein, ob man gerade akut unter seiner vielleicht misophonen Veranlagung leidet oder nicht so sehr.
00:14:57: Ob ich von einem Geräusch stark genervt bin?
00:15:00: oder richtigen Hassentwickle, sind ja so graduelle Unterschiede, die genau von den Sachen, die du sagst, auch beeinflusst werden können.
00:15:07: Ganz allgemein ist es so, dass bei vielen psychischen Krankheiten, bei einer Depression, bei psychotischen Erkrankungen, bei stressassoziierten Problemen, der Filter, den wir in uns haben, dünner wird.
00:15:20: Wir werden dünn heutiger.
00:15:22: Wir haben eine Filterstörung,
00:15:23: zumindest kann man das sagen.
00:15:25: Und frage, du hast gerade die Uhr hier aus unserem Studium rausgetragen.
00:15:30: Ja.
00:15:31: Von der du sagst, das Geräusch nervt mich ja total.
00:15:34: Hast du die gerade hier reingestellt?
00:15:36: Ja.
00:15:36: Und nein, ich hab die nicht gerade hier reingestellt, die
00:15:39: Uhr,
00:15:39: sondern vor Wochen.
00:15:40: Und es ist dir nie aufgefallen.
00:15:42: Das
00:15:42: ist so interessant.
00:15:43: Ja, aber heute hatten wir ja auch die Situation.
00:15:46: Vielleicht ist mit mir heute auch was Bestimmtes los.
00:15:49: Wir haben ja uns auch über Misophone Auslöser unterhalten.
00:15:53: Und ich hab's ja nicht so mit... Knabbergeräuschen.
00:15:56: Also Knabbern von Chips oder Mörchen oder Äpfeln.
00:16:01: Und dann hast du vorgeschlagen, soll ich mein Apfel essen.
00:16:04: Und ich kann das gar nicht erklären, was heute mit mir los war, aber mir sind wirklich Tränen gerollt, weil ich dachte, nein, lieber nicht, dann werde ich so wütend und dann werde ich ja einerseits auf das Geräusch wütend, aber andererseits vielleicht auch auf dich.
00:16:14: Ich möchte das nicht.
00:16:16: Also ich habe mich richtig belastet gefühlt.
00:16:18: Und das muss man dazusagen, obwohl ich mich gar nicht als... Misophon im engeren Sinne betrachte, weil ich gleichzeitig versuche, diesen Situationen nicht auszuweichen.
00:16:28: Ich merke, dass du den Situation höflicherweise und aus Rücksichtsname mir gegenüber ausweichst.
00:16:34: Ich weiß, dass du mich immer scharf beobachtest, ob das gerade geht oder nicht.
00:16:38: so gut geht.
00:16:39: Aber ich versuche eigentlich nie irgendwas zu sagen.
00:16:41: Aber heute war es doll.
00:16:43: Also kann sein, dass mit mir auch gerade was ist.
00:16:46: das ganz wichtiges, superzentrales Thema und ich freue mich, dass du es so früh ansprichst.
00:16:52: Wir erleben das ja häufig in Gesprächen, die kriegen das zu getragen und vielleicht habt ihr das auch schon erlebt oder gehört aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, dass es wirklich zu Beziehungsproblemen kommt und die Beziehung man nicht nur partnerschaftlich, sondern auch bei der Arbeit oder ähnliches, weil jemand auf irgendeinen Reiz sehr stark wütend oder verzweifelt reagiert.
00:17:13: Und dann gibt es für gewöhnlich so Schuldzuschreibung.
00:17:15: Derjenige, der reagiert, der die Misophonie hat, wird sauer und wütend auf denjenigen in unserem Fall, der den Apfel ist.
00:17:22: Ja.
00:17:22: oder schnacht oder durch die Nase atmet oder schnieft oder trippelt.
00:17:27: Egal was, man wird zauer.
00:17:28: Und wenn derjenige, der es verursacht hat, das Geräusch, das mitbekommt, wird der wieder sauer auf denjenigen, der es empfindet.
00:17:35: Weil er sagt, das ist ja völlig inadequate, das gehört sich nicht.
00:17:39: Wie kannst du so mit mir umgehen?
00:17:40: Wie kannst du sauer sein?
00:17:41: Wie kannst du mich anschreien oder so?
00:17:42: Vor
00:17:42: allen Dingen für etwas, ne?
00:17:43: Ich meine Entschuldigung, atmen muss ich ja nun mal.
00:17:46: Ja, so.
00:17:46: Ja,
00:17:47: und da funktionieren wir Menschen immer ähnlich nach... Schuld gesucht.
00:17:52: Es wird immer nach Schuld gesucht.
00:17:52: Wer hat Schuld?
00:17:53: Und in dem Fall ist es aber so wie das Wetter.
00:17:55: Derjenige, der dieses Empfinden hat, der hat sich das nicht ausgesucht.
00:17:59: Der kann nichts dafür.
00:18:01: Es ist nicht seine Schuld, dieses Empfinden zu haben.
00:18:04: Und derjenige, der jetzt angeschnauzt wird, weil er atmet, der ist eben auch nicht schulter dran.
00:18:10: Der kann nicht so viel, es muss geatmet werden.
00:18:12: Und wer schnarcht, weiß nichts davon, dass er schnarcht.
00:18:14: Wäre er bei Bewusstsein, würde er nicht schnarchen.
00:18:16: Also, gibt es keinen, wer ist Schuld in diesem... Kontext, sondern es hängt wie Bregen draußen einfach im Raum.
00:18:24: und wenn man das lösen will, dann macht es nur Sinn das Problem zu bearbeiten und nicht sich gegenseitig.
00:18:30: Ja genau.
00:18:31: Da kommen wir natürlich ein bisschen zur Frage, wo kommt denn das überhaupt her?
00:18:35: Wie kann jemand eine Misophonie überhaupt haben?
00:18:38: Und es gibt ein paar Sachen, die wir wissen und es gibt eine ganze Menge Sachen, die wir nicht genau wissen.
00:18:42: Klar scheint zu sein, dass, wie so häufig, aber in dem Fall sehr, es eine Mischung verschiedener Faktoren ist.
00:18:49: Zum einen gibt es eine genetische Komponente, man sieht eine familiäre Häufung.
00:18:53: Da fragt man sich, mein Gott, wieso eine genetische Komponente, wie können sich denn Gene weitergeben?
00:18:58: Warum können die so überhaupt hier stehen, die für so was Komisches zuständig sind?
00:19:02: Und die Evolutionstheorie sagt was Spannendes.
00:19:06: Die sagt, wenn ich jemanden habe mit zum überschießenden Alarmsystem, auf Geräusche.
00:19:13: vor allem auf Mundgeräusche knacken, knabbern, Knochen knacken, irgendwas.
00:19:18: Dann könnte es sein, dass so jemand für die Ur-Menschen-Gruppe sehr wichtig war, weil der als Wächter sofort alarmiert war, wenn ein Raubtiergeräusch von irgendwo kam.
00:19:29: Interessant, okay.
00:19:30: Und wir könnten das noch Rudiment her so mit uns tragen.
00:19:33: Deshalb vielleicht auch diese Kampfreaktion, die sich einstellt.
00:19:36: Wobei manche Menschen auch, das muss man dazu sagen, vor allen Dingen Ekelverspüren und andere Menschen sogar Panik.
00:19:43: Das ist interessant, das ist ein bisschen wie als sei da etwas miteinander verdratet im Gehirn.
00:19:49: Ich drück das jetzt mal so leihenhaft aus, was eigentlich nicht unbedingt zusammengehört, aber das sind heftige Emotionen, die auch über so ein gesellschaftliches, man schmatzt aber nicht.
00:20:00: weit hinausgehen.
00:20:01: Also es ist nicht nur die Norm, die man da in sich gebrochen fühlt, das kann das verstärken, sondern das ist so eine unmittelbare, irrationale, krass emotionale Reaktion.
00:20:12: Und das kann schon sein, dass das einfach eine Verdratung ist, die einigen Individuen von uns irgendwann mal in der Evolution durchaus dienlich war.
00:20:21: In der Forschung drum herum hat man es ja auch so gemacht, dass man das gemessen hat.
00:20:24: Du kannst Haut, Leid, Widerstand messen, du kannst.
00:20:27: Stresshormone messen.
00:20:28: Du kannst Blutdruck- und Herzfrequenz messen.
00:20:31: Und das geht hoch.
00:20:31: Das geht messbar hoch.
00:20:33: Das ist keine kapriziöse Einbildung oder so.
00:20:37: Das passiert tatsächlich.
00:20:38: Deswegen weiß man das ja.
00:20:39: Das ist, it's a real thing.
00:20:41: Ja, die Frage wird uns ja öfter mal gestellt.
00:20:43: Ist das Anstellerei von den Leuten?
00:20:45: Wollen die sich wichtig machen?
00:20:47: Warum sind die so?
00:20:48: Naja, warum genau wissen wir nicht.
00:20:51: Aber sie sind so.
00:20:53: Ja.
00:20:54: und auch in den neuen Studien mit den FMRTs, also funktionelle MRTs, wo man sehen kann, wo im Hirn sich was bewegt, also an Informationen, an Aktivitäten.
00:21:04: Da sieht man einen Unterschied im anterrioren insulären Cortex.
00:21:08: Und das ist die Hirnregion, die so der Knotenpunkt ist für das sogenannte Saliens-Netzwerk.
00:21:14: Und das wiederum ist zuständig dafür, die Reize rauszufiltern, die für Wohlbefinden wichtig sind.
00:21:20: Und in dem anterrioreninsolearen Cortex, da werden externe Wahrnehmung mit internen Körperzuständen vermischt, auch mit Emotionen vermischt.
00:21:28: Das ist eine komplexe Nummer.
00:21:29: Man kann aber sehen, dass Menschen mit dieser Misophonie dort eine starke, höhte Aktivität haben.
00:21:35: Und was bedeutet das?
00:21:36: Das bedeutet, dass man davon ausgehen kann, dass die Verknüpfung, anders als die Norm, zu stark sind.
00:21:45: Also, dass es eine Verknüpfung gibt, die andere Menschen bei sowas nicht haben.
00:21:50: Und gerade
00:21:50: gesagt haben
00:21:51: wir die Verdrahtung.
00:21:52: Ja, genau, die Verdrahtung ist anders.
00:21:54: Es gibt dann Überlegungen, die sind auch irgendwie einleuchtend, dass das zum Beispiel neben den genetischen Komponenten, auch durch biografisches Lernen, im weitesten Sinne zustande kommen kann.
00:22:05: Also wie ich erzählt habe, wenn in der Erziehung das eine Rolle spielt, dass man dauernd angeschnautzt wird, wenn man schmatzt oder mit offenen Mund kaut oder die Füße nicht hebt beim Laufen, wenn das immer wieder so scharf... Sanktioniert wird, dann verinnerlicht man das und dann fährt der Körper hoch.
00:22:22: Also später dann, im Erwachsenenalter, dass ich dann desgleichen heftig emotional reagiere auf sowas.
00:22:28: Ja,
00:22:28: stell dir mal vor, du schlurfst, gibt's von hinten eine Kopfnuss.
00:22:31: Ja.
00:22:31: Was lernt das Menschlein daraus?
00:22:33: Die sofort die Reaktion beim Schlurfen.
00:22:35: Ja, und das muss nicht, aber kann sich dann theoretisch auch ausbreiten, jemand Schlurfen zu sehen, um so eine Reaktion hervorzurufen.
00:22:42: Das wäre dann die Verbindung aber aus vielleicht einer genetischen Prädisposition und dazu der biografischen Prägung, was man Dinge verinnerlicht hat, einfach, die man soll, die man nicht soll, was sich gehört, was sich nicht gehört.
00:22:54: und keine Gegenbewegung dazu.
00:22:55: Nicht jeder, der eine Kopfnuss beim Schlurfen bekommen hat, entwickelt so was, weil der eine oder die andere eine Gegenbewegung, eine andere erzieherische von mir aus oder erfahrungsmäßige Gegenbewegung dazu bekommen hat.
00:23:06: So entwickelt sich das dann eben nicht.
00:23:08: Aber wir haben einen Instagram-Kanal gefunden, da gab es eine interessante Geschichte von jemandem, der berichtet hat.
00:23:15: dass schon in Kindertagen er am Tisch sitzen musste, wenn er fertig gegessen hatte und der Vater seine Suppe weiter gegessen und dabei geschlürft hat.
00:23:24: Und das ist jetzt nur eine Theorien, nehm das bitte nicht für hundertprozentig so gesetzt, ist nur eine Denkidee.
00:23:30: Stell dir mal vor, Franka, ein Kind sitzt mit am Tisch, muss still sitzen bleiben, darf nicht aufstehen spielen gehen und hat ein unangenehmes ein bisschen... Ich will es nicht übertreiben, so ein leicht qualvolles Gefühl davon.
00:23:43: Und es gibt keinen Reiz im Raum.
00:23:44: Der Fernseher ist nicht anders.
00:23:45: Radio ist nicht ran.
00:23:46: Alle sitzen und warten und schauen auf den Vater.
00:23:48: Und der schlürft seine Suppe die ganze Zeit.
00:23:50: Der
00:23:51: Kautseine-Suppe.
00:23:51: Der Kautse stand sogar her.
00:23:52: Das ist der Kautseine-Suppe.
00:23:54: Und die Verbindung, wenn das häufig passiert, ist doch die Verbindung von Schlürfgeräusch und unangenehmem Emotionen, Fluchtgefühl, Wegwollen, ist doch wie gesetzt.
00:24:04: Ja, richtig.
00:24:05: An der Stelle würde es mich nicht wundern, wenn das dabei herauskämme.
00:24:08: Kann schon sein.
00:24:09: Okay, also wir haben eine Mischung aus einer ungewöhnlich starken Aktivierung in dieser Insular-Region, also sowas wie eine überstarke Verdrahtung von Dingen, die vielleicht nicht unbedingt zusammengehören, das scheint genetisch zu sein.
00:24:23: Und wir haben Lernerfahrungen.
00:24:26: Ja, und dann gibt es noch eine ziemlich interessante, auch für mich sehr eingängige, Idee des Hyper Mirrorings.
00:24:32: Also Hyper Mirroring.
00:24:34: Überspiegeln?
00:24:35: Ja, heißt, meine Spiegelneurone sind so super stark.
00:24:39: Davon haben wir schon mal gesprochen, Menschen haben die Tendenz, das, was sie sehen, irgendwie auch im eigenen Hirn abzubilden und auch das machen zu wollen.
00:24:46: bei Kindern.
00:24:47: Sieht man das sehr gut schon, wenn sie ganz klein sind, machen sie einfach Dinge nach, die sie sehen.
00:24:50: Das bleibt uns als Erwachsene auch erhalten und wir merken, dass häufig bei Emotionen jemand anders verletzt sich und wir fühlen Schmerz, Spiegelneurone.
00:24:58: Und wenn das jetzt sehr stark ist, wenn deine Spiegelneurone sehr stark feuern, so sagen diese Untersuchungen, dann wird... Dein motorischer Cortex, also der Teil im Gehirn, der für die Bewegung zuständig ist, auch angesprochen.
00:25:12: Also, du hörst jemand kaun, dein Hirn sagt, auch kaun, du selber willst aber gar nicht.
00:25:19: Und das führt zu einem intrusiven Störgefühl.
00:25:21: Also, als ob jemand übergriffig dich zum Kaun bewegen wollte, du aber nicht willst und das macht, hey, aufhören.
00:25:29: Ich will nicht.
00:25:30: Vielleicht, also ja, wohlgemerkt, wir reden hier nur über Hypothesen.
00:25:34: Das ist alles jetzt noch nicht wasserdicht, aber das kann ich mir ganz gut vorstellen, weil viele von misophonie betroffene Menschen sagen, es ist besser, wenn ich erstens selber mit esse und zweitens, wenn es auch noch andere Geräusche in der Umgebung gibt, also der Fernseher läuft oder so.
00:25:49: Ganz schlimm ist es, neben jemandem zu sitzen und der macht diese Geräusche.
00:25:53: Und dann sagst du, ja.
00:25:54: Und dann sagst du, du kannst sein, dass sozusagen die Spiegelneurone nahelegen.
00:25:58: Ja, du musst jetzt auch kauen oder schmatzen.
00:26:00: Und du willst aber nicht.
00:26:02: Und dann macht das so einen inneren Klärsch.
00:26:04: Ja, das würde auch erklären, warum es diese misokinetischen Phänomene gibt.
00:26:10: Jemand wippt mit dem Bein und zeigt Unruhe.
00:26:13: Und deine Spiegelneurone sagen jetzt auch, hey, hey, ich bin Unrich.
00:26:17: Aber bist du gar nicht?
00:26:19: Und diese Dissonanz, die das erzeugt, das ist ein frustrierender Nummer.
00:26:23: Verstehe,
00:26:24: interessant.
00:26:24: Und das kann deinen Zauber machen.
00:26:27: Das ist ja ganz spannend.
00:26:28: Ich halte ja meine Spiegel-Deurone für hochaktiv auf der einen Seite, habe aber Misophonie oder Misokinesie eigentlich gar nicht.
00:26:36: Aber um es mir vorzustellen, wie das ist, hilft es mir, mit einem steinigen Stück Reide oder Fingernägeln an einer Tafel langzuschrappen.
00:26:46: Ja,
00:26:46: das finden, glaube ich, neunundneunzig, neun Prozent aller Menschen schrecklich.
00:26:50: Ja,
00:26:50: da habe ich körperliche Reaktionen.
00:26:51: Ich kriege Gänsehauter, stellen sich die Haare auf.
00:26:53: Das ist der Wahnsinn.
00:26:54: Genau.
00:26:54: Und
00:26:55: so?
00:26:55: So, vielleicht ungefähr kann man sich das in etwa vorstellen.
00:26:58: Und ich gehöre... leider klar zu den sensitiveren Menschen.
00:27:02: Wir haben gerade schon gesagt, in dieser Stichprobe aus UK waren es worauf sie stark reagieren.
00:27:22: Da muss man gar nichts von machen, sozusagen.
00:27:24: Das ist nicht schlimm, das ist nicht dramatisch, aber es kann dramatisch werden, wenn man eben bemerkt, dass man in seinem Leben unglaublich viel vermeidet deswegen, dass Beziehungen darunter leiden, dass die Partnerschaft darunter leidet, dann kann das schon wirklich ein großes Störgefühl machen.
00:27:42: Also stell dir vor, eben du reagierst ausgerechnet auf Schnarchen, Misophon und deine Partnerin oder dein Partner schnarcht und gleichzeitig habt ihr vielleicht nicht die räumlichen Möglichkeiten, einfach ganz pragmatisch zwei Schlafzimmer zu nutzen.
00:27:55: Und dann liegt eine Person schnarchend da und die andere kriegt jede Nacht Hassattacken und ertappt sich bei Erstickungsfantasien.
00:28:03: Das ist nicht gut für die Partnerschaft, aber das ist nicht so selten.
00:28:06: Und da muss man einfach wissen, das gibt's, das kann großen Leidensdruck verursachen.
00:28:10: und wie gehen wir jetzt damit um?
00:28:12: Diagnostisch kann man das zum Beispiel so ziemlich gut unterscheiden.
00:28:16: Wenn du Hassattacken bekommst, während ich einen Apfelesser... Aber keine bekommst, wenn ich mal was selten vorkomm, Schnarche, dann ein bisschen best gibt, deutlichen Unterschied und es muss am Sound liegen.
00:28:27: Und nicht an mir.
00:28:28: Also ja, genau.
00:28:28: Misophonie bedeutet, dass ich nicht dich hasse, sondern nur das Geräusch, das du machst.
00:28:35: dass von dir ausgeht.
00:28:36: Das ist übrigens interessant.
00:28:38: Tatsächlich ist es schwerpunktmäßig so, hat man schon gesagt, dass es menschengemachte Geräusche sind.
00:28:43: Die einzigen Geräusche, die auch auf dieser Miso-Phonie-Geräuscheliste standen, die nicht von Menschen direkt sind, sondern nur indirekt sind.
00:28:51: Handy-Peeps-Geräusche, Tastatur-Klapper-Geräusche.
00:28:54: Ja, die sind von Menschen gemacht.
00:28:55: Ja,
00:28:56: aber es ist keine körperliche Entäußerung, sondern trotzdem von dem Gerät und Motor-Geräusche.
00:29:04: Ich würde auch sagen, auch von Menschen gemacht, aber keine körperliche Entäußerung.
00:29:07: Gut, da stand eins noch auf der Liste.
00:29:09: Hundegebäll.
00:29:10: Das ist jetzt nun wirklich nicht von Menschen gemacht.
00:29:12: Da kann man sich dann fragen, sind Hunde nicht die besseren Menschen?
00:29:15: und deshalb ist das auch so was?
00:29:16: Ja, und es wird als Person gesehen.
00:29:18: Ja.
00:29:19: Ja, aber wir wissen, Miesophonie, das gibt es.
00:29:22: Keine Frage.
00:29:23: Die Randgebiete davon, was nun genau dazugehört.
00:29:27: wie genau die neuronalen Abläufe sind und so weiter, was mit rein zählen darf und was nicht.
00:29:31: Da sind wir uns noch nicht einig.
00:29:33: Das ist echt noch in der Entwicklung.
00:29:34: Da sind wir live dabei, wie sich das entwickelt.
00:29:36: Und es könnte sein, und jetzt kommen wir vielleicht ganz kurz noch zu zwei Abgrenzungen, dass es beim Hundegebell ein anderes Problem ist, nämlich eine Angststörung im weitesten Sinne, dass es so unangenehm ist, dass man Hunde hört und sich irgendwie ängstlich getriggert fühlt.
00:29:51: Oder weil es da Überschneidungen geben kann, eben zum Beispiel mit Angststörungen.
00:29:56: oder zumindest in der Literatur auch mal mit Autismus-Spektrum-Störungen.
00:30:00: Aber auch mit der Zwangsstörung.
00:30:02: Wird es da einfach noch etwas Entwicklung und Forschung brauchen?
00:30:05: Eine Sache, die ich vorhin noch erwähnt habe, das hat offenbar früher häufiger Zuverwechslung geführt, das ist ein sogenannte Hyperacusis, das bedeutet zu lautes Hören.
00:30:16: Das kann mehrere Gründe haben.
00:30:17: Ein häufiger Grund ist eine Nervenlähmung, und zwar von dem Nerven, der die Muskeln an den Gehörknöchelchen, Hammer Ammos Steigbügel, innerviert.
00:30:27: Wenn diese Muskeln an diesen Hörknöchelchen sich nicht mehr anspannen können, dann sind die sehr locker.
00:30:32: Und dann wird jedes Geräusch, was am Trommel verlandet, durch diese lockeren Hörknöchelchen, ungefiltert, ungebremst weitergegeben.
00:30:40: Und dann ist es sehr laut.
00:30:42: Verstehe.
00:30:43: Wenn jemand dir das nicht hat, in eine laute Umgebung kommt, eine laute Geräusche hört, dann gibt es eine mechanische, lautstärke Reduzierung durch das Anspannen dieser Muskeln.
00:30:51: Ja.
00:30:51: Kannst du den nicht machen, hörst du alles laut bis schmerzhaft?
00:30:54: Ah, okay.
00:30:55: Und dann möchtest du es nicht haben, da kannst du auch wütend drauf reagieren.
00:30:58: Nicht zu laut überhaupt.
00:31:00: Ja.
00:31:00: Ja, ist ja schmerzhaft.
00:31:02: Ja.
00:31:02: Und da wird man auch sauer von.
00:31:04: Das kann man nicht, soll man nicht verwechseln.
00:31:05: Verstehe, das muss man differenzial diagnostisch im Auge behalten.
00:31:09: Aber ich glaube eben, Misophonie ist sehr viel gezielter auf einzelner Geräusche und Menschen, die davon betroffen sind, wissen auch sehr genau, welche Geräusche das sind.
00:31:21: Okay, Franka, was machen wir?
00:31:23: Ja, also bisher die stärkste Evidenzbasis hat eine kognitive Verhaltenstherapie.
00:31:31: Wobei man da sagen muss, dass sich ja bei der Misophonie noch nicht um eine offizielle anerkannte Diagnose handelt, haben wir auch noch nicht so richtig gute, langjährig erprobte und hundertprozent verlässlich helfende Therapieverfahren.
00:31:50: Es gibt auch keine Leitlinie wie für die anderen Erkrankungen.
00:31:53: So ist es.
00:31:54: Also aktuell arbeitet man mit Verfahren, die den betroffenen Menschen helfen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, also idealerweise weg von dem Geräusch oder dem zappelnden Bein oder was auch immer gerade stört, woanders hin.
00:32:08: Es geht um die Senkung der körperlichen Alarmreaktion, also zu spüren.
00:32:13: Ich fahre gerade hoch, aber dann selber etwas zu unternehmen, sich da auch wieder runter zu regulieren.
00:32:19: Idealerweise stellst du dich nicht hin und schreist die Leute zusammen, dass sie es lassen sollen, sondern erkennst an, dass das etwas in dir ist und versuchst, diese Alarmreaktion wieder runterzuregulieren.
00:32:32: Und dann geht es ein bisschen auseinander.
00:32:34: Manche Leute probieren es mit so einer Art dosierten Reizkonfrontation.
00:32:38: Die sagen, ich setz mich dem aus, ich übe das, ich verknüpfe das neu.
00:32:43: Also ich versuche die bis dato sehr unangenehmen Geräusche mit etwas Angenehmem zu verbinden, ich versuche bewusst zu entspannen, ich versuche bewusst liebevolle Gedanken zu haben oder so, das kann man üben.
00:32:55: Manche Leute mögen lieber wirklich Noise-Canceling, Kopfhörer oder arbeiten mit so was wie braunem Rauschen, was so aus der Tinnitusarbeit abgeleitet ist.
00:33:06: Also du meinst, diese Geräusche, die niederfrequent sind, im Gegensatz zu weißen Rauschen, nur so eher beruhigende, tiefe Töne
00:33:14: enthalten.
00:33:14: Genau.
00:33:14: Weißes Rauschen ist ja Silbern, Spitz, Hell.
00:33:18: Du weißt schon.
00:33:19: Ja, ja, jetzt müssen wir die Sinnesiesiefolge nochmal hören.
00:33:23: Ja, jedenfalls wissen wir noch nicht so genau.
00:33:26: Und es ist sicherlich auch noch ein bisschen Weg zu gehen, bis wir da sehr gut erprobte Verfahren haben.
00:33:32: Es scheint am Moment eine Mischung zu sein.
00:33:33: Elemente der Acceptance und Commitment Therapy kommen zum Einsatz und viele Leute profitieren davon.
00:33:40: Der Punkt ist halt, dass je nachdem, um welche Art Geräusche es sich handelt, wie einschneidend das im Leben ist, wie heftig man reagiert, muss man da glaube ich sehr individuell gucken, was hilft, ob man das tatsächlich pragmatisch lösen kann.
00:33:55: wie jetzt zum Beispiel, wenn es um Schnachgeräusche geht, ja, dann schlaf halt woanders, dann hast du kein Problem mehr.
00:34:00: Oder ob es wirklich so was ist wie Atmen, und zwar von jedem Menschen, dann hast du ja ein erheblich größeres Problem.
00:34:05: Mhm.
00:34:06: Immer dazu gehört die Psychoeducation.
00:34:09: Das heißt, sich klar zu machen, worum geht's denn hier?
00:34:11: Und da können wir vielleicht ein bisschen schon mithelfen, zu sagen, da passiert etwas im Hirn, im Kopf, das ist nicht so wie bei anderen.
00:34:19: Und wenn ich mich an der Stelle so ein bisschen rausheben kann in der Situation.
00:34:23: und sagen, ah, da bin ich, mit meiner Wut, mit meiner Frustration, ich finde es voll eklig.
00:34:29: Oder wird voll sauer.
00:34:30: Da nehmen wir ein Line aus der metakognitiven Therapie, dann kann das schon hilfreich sein.
00:34:34: Also nicht so drin in sich selber und aufs Objekt fixiert sein, sondern ein bisschen von außen gucken und zu gucken, was passiert hier.
00:34:42: Naja, wir haben es ja letztlich gerade eben zum Beispiel auch selber drauf ankommen lassen.
00:34:48: Und ich muss sagen, dass Apfel essen, dass du freundlicherweise wirklich sehr, sehr weitgehend von mir fernhältst, war nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte, dass es werden würde.
00:34:58: Allein schon, dass wir uns wissenschaftlich damit auseinandergesetzt haben, ist da hilfreich.
00:35:03: Ja, genau.
00:35:04: Boah, heute Abend gibt's Chips.
00:35:05: Und wir essen Zeitversetzt, sodass du zuhören musst, wenn ich esse und ich hör zu, wenn du isst, denn mir macht's gar nix aus.
00:35:13: Und ich, wie immer ... Entweder es wird gut oder es wird eine Erfahrung an so einem Beidem.
00:35:18: Wir essen selbstverständlich die Fettfreien, das freien Schiff.
00:35:21: Natürlich.
00:35:22: Aus Gemüse.
00:35:25: Was sonst?
00:35:26: Okay, also was wir auf jeden Fall gerne dalassen würden zum Thema Misophonie, abgesehen von nützlichen Links, die wir wie immer in die Folgenbeschreibung posten, zum Beispiel die Studie, aber auch interessante Informationsseiten zum Thema Misophonie.
00:35:41: Also abgesehen davon würden wir... gerne dalassen, dass Misophonie real ist, dass viele Leute das kennen, aber nicht wissen, dass es ein Wort dafür gibt.
00:35:51: Dass es keine Schuldfrage ist, die auf irgendeinem lastet, sondern ein Problem, das einfach so im Raum hängt.
00:35:59: Dass es mehrere plausible Hypothesen gibt, woher das kommen könnte und dass da scheinbar ein paar Mechanismen ineinandergreifen, aber die Forschung kann das noch nicht abschließend beantworten.
00:36:11: und dass man an geeigneten Psychotherapien noch arbeiten muss.
00:36:15: Weil dieses Thema so neu und zu frisches haben wir sehr viel recherchiert und gelesen.
00:36:21: Eine Sache ist immer wieder klar geworden.
00:36:23: Zwischen Punktprävalenz und Lebenszeitprävalenz gibt es eine relativ große Lücke.
00:36:28: Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wer es jetzt hat, es nicht ein Leben lang haben muss und dass man es bekommen kann.
00:36:35: Das wiederum bedeutet, es ist dynamisch.
00:36:37: Damit weist alles darauf hin, dass man das auch wieder verlieren kann.
00:36:54: Naturgeräuschen, so wie Wasserplättern oder Wind oder Blätterrauschen, ist das möglich.
00:37:00: Und ich wüsste auch gerne, was hat euch persönlich geholfen?
00:37:04: Ist es immer nur das Abschirmen und Vermeiden?
00:37:06: oder hat jemand von euch das vielleicht auch schon mal umgelernt oder wirklich mit Gegenkonditionierung gearbeitet?
00:37:12: Ich freue mich auf ein Austausch mit euch und ihr findet unseren Instagram-Kanal unter Franka, Unterstrich, Girouti, Unterstrich, Psychologie.
00:37:21: Außerdem freuen wir uns auch über Fragen.
00:37:23: Dafür haben wir einen Anrufbeantworter eingerichtet, den Link findet ihr auch in den Shownotes, einfach unter www.speakpipe.de-psychologie-to-go.
00:37:34: Die Antworten auf eure Fragen gibt's, wenn möglich, dann im Fragenfreitag in unserer Steady-Community.
00:37:41: Danke fürs Zuhören und bis nächste Woche.
00:37:43: Tschüss!
00:37:50: Das war's für heute.
00:37:51: Ich hoffe, du konntest eine Menge frischer Gedanken für dich mitnehmen.
00:37:56: Mehr davon gibt's auch auf meiner Seite www.franca-gerouti.de Und natürlich nächste Woche wieder hier.
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