Entfremdung in Familien - Was du über Kontaktabbrüche wissen solltest
Shownotes
Kontaktabbruch in Familien betrifft in Deutschland etwa jede fünfte Vater-Kind- und jede zehnte Mutter-Kind-Beziehung — und trotzdem wird kaum irgendwo so wenig miteinander und so viel übereinander geredet wie in dieser Debatte. In dieser Folge schaut sich Franca beide Seiten an: den unsichtbaren Schmerz verlassener Eltern, die eine Trauer ohne gesellschaftliche Form erleben, und den langen, erschöpften Weg erwachsener Kinder, die oft jahrelang versucht haben, gehört zu werden, bevor sie gehen.
Wenn du Hilfe suchst:
Selbsthilfe für verlassene Eltern: https://verlassene-eltern-hilfe.de/
Selbsthilfe für erwachsene Kinder mit Kontaktabbruch: https://www.selbsthilfenetz.de/suchen-und-finden/selbsthilfegruppe-finden/details/50086-shg-der-harte-cut-mit-dem-kontaktabbruch-zur-familie-leben
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Transkript anzeigen
00:00:00: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Episode Psychologie To Go.
00:00:05: Das ist dein Podcast für hilfreiche Gedanken und Impulse direkt aus meiner psychotherapeutischen Praxis.
00:00:13: Hallo und herzlich Willkommen zu Psychologie To Go.
00:00:16: Mein Name ist Franka Girouti, wenn du öfter hier zuhörst und ich fragst wo es denn eigentlich Christian abgeblieben?
00:00:22: Dann kann ich dich beruhigen ab nächsten Sonntag ist er wieder dabei!
00:00:25: Wir haben nur im Moment beruflich so das eine oder andere Projekt dass ein bisschen mehr Aufmerksamkeit fordert und deshalb haben wir uns ein bisschen aufgeteilt und deshalb hast Du zuletzt auch öfter mal mich allein gehört.
00:00:37: aber bitte keine Sorge alles ist gut.
00:00:40: Christian bereitet gerade überwiegend unsere Live-Podcastauftritte vor.
00:00:46: Und sobald wir das hinter uns haben, ist er auf jeden Fall wieder dabei!
00:00:49: So also heute geht es um ein Thema dass je nachdem wie du so aufgestellt bist vielleicht auch von dir einen kleinen innerlichen Stretch verlangt insofern weil es ein Thema ist bei dem die Positionen sehr verhärtet sind häufig und zwar geht es Familien.
00:01:12: Und das ist ein Thema, wo sich wirklich beide Seiten häufig sehr unverstanden, sehr ungerecht beurteilt fühlen.
00:01:19: Beide Seiten empfinden Scham und Stigmatisierung und beide Seiten haben auch das Gefühl, sich in der Öffentlichkeit stark rechtfertigen zu müssen dafür dass es den Kontaktabbruch in der Familie gab – und mit beiden Seiten meine ich eben sowohl den Part von dem der Kontaktabbrauch ausging als auch den Part der verlassen oder zurückgelassen wurde.
00:01:41: In aller Regel ist es so, dass erwachsene Kinder den Kontakt abbrechen zu ihren Eltern.
00:01:47: Es mag auch mal umgekehrt sein – das Eltern sagen ich breche jetzt den Kontakt zu meinen Kindern ab aber das ist nicht so häufig wie eben der ungekehrte Fall.
00:01:55: Aber ich versuch's mal möglichst offen zu formulieren.
00:01:58: Wir sprechen über Entfremdung in Familien, über Kontaktabbrüche die zwischen Eltern und ihren Kindern passieren.
00:02:04: Und meine Erfahrung nach Menschen, die damit schon mal Berührungen hatten oder betroffen sind haben häufig auch eine recht klare Meinung dazu... ...und je mehr ich mich jetzt aber auch in der Recherche nochmal so ein bisschen in Foren umgeguckt habe, ein bisschen gelesen hab, desto mehr muss man ehrlicherweise sagen das Thema ist kompliziert?
00:02:23: Und es ist vielleicht auch innerlich eine kleine Herausforderung, beiden Seiten da irgendwie gerecht zu werden.
00:02:28: Ohne durch bestimmte Einzelfälle die man jetzt vielleicht vor dem Inneren Auge hat schon direkt in eine Seite zu kippen oder sich solidarisch zu fühlen.
00:02:36: Ich bin auf das Thema gekommen weil per Zufall tatsächlich zwei verschiedene Menschen uns geschrieben haben Eine Mama, die verlassen wurde und ganz ratlos ist und ganz traurig ist weil der Kontakt zu ihrem Sohn abgebrochen ist.
00:02:51: Und eine junge Frau hat uns geschrieben, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochene hat und darunter aber auch leidet und traurisch ist und gleichzeitig aber auch sagte ich hatte gefühlt gar keine andere Wahl.
00:03:02: Und da habe ich gedacht okay dann versuche ich mal genau diesen Konflikt aufzugreifen.
00:03:08: Wenn man das Thema mal bei Social Media anguckt oder wenn man bei Reddit in die Foren geht, oder nach Selbsthilfe sucht dann landet man gefühlt in so was wie zwei ganz verschiedenen Räumen.
00:03:20: Und im einen Raum sitzen erwachsene Kinder also Söhne und Töchter und die sagen sowas wie eben auch die junge Frau die uns geschrieben hat ich musste Gehen, der Kontakt zu meinen Eltern hat mir total geschadet.
00:03:33: Das war eine psychische Zereißprobe für mich diesen Kontakt aufrechtzuerhalten.
00:03:38: Der Kontakt mit meinen Eltern ging mit fast ausschließlich negativen Gefühlen einher und ich musste gehen!
00:03:45: Und in dem anderen Raum – in den anderen Selbsthilfegruppen, in den Anderen Foren da sitzen eben die Eltern und die sagen häufig sowas wie mein Kind hat mich verlassen und ich weiß überhaupt nicht... Warum?
00:03:58: Ich verstehe nicht, was ich falsch gemacht habe.
00:04:00: Ich weiß nicht, wofür unüberbrückbar zwischen uns zu stehen scheint, dass wir noch nicht mehr reden
00:04:06: können.".
00:04:07: Und diese beiden Räume – diese virtuellen Räime die berühren sich offensichtlich so gut wie gar nicht und das ist eben der Punkt.
00:04:14: sie reden nicht miteinander Sie reden aber sehr wohl übereinander also die Eltern über die Kinder und die Kinder über die Eltern Aber es besteht kein Kontakt mehr.
00:04:24: Eine Sache, die aber total klar ist und die stelle ich gerne voran – Entfremdung in Familien.
00:04:29: Und auch letztlich der Kontaktabbruch ist nicht so was wie ein Ereignis sondern das ist viel mehr ein Prozess dieser eigentliche wirkliche Bruch und der Moment in dem eine Seite ausspricht Ich möchte mit dir nichts mehr zu tun haben, ich möchte keinen Kontakt mehr.
00:04:47: Ich möchte nicht mehr mit dir
00:04:49: sprechen.".
00:04:50: Das ist meistens das Ergebnis von einer ziemlich langen, ziemlich komplizierten Geschichte!
00:04:56: Das ist nicht der Anfang und das ist in aller Regel – wenn alle Beteiligten ganz ehrlich sind auch nicht mega überraschend….
00:05:05: Also vor allen Dingen diejenigen, die den Kontakt abbrechen.
00:05:08: Überwiegend sind das wie gesagt die Kinder erleben dass eher als das Finale von einer jahrelangen Bemühungen den Kontakt zu verbessern, den Kontakt überhaupt aufrechtzuerhalten und in den Augen derjenigen die den Kontakt dann letztlich beendet haben gab es in vielen Fällen auch noch so einen letzten Moment, wo man der anderen Partei noch eine Chance gegeben hat oder wo man vielleicht noch einen Wunsch hatte.
00:05:33: Einen Anliegen und dachte kommen wenn das heute besser läuft dann versuche ich's nochmal oder so und wenn das nicht funktioniert hat dann führt das häufig zu dem Ergebnis dass der Kontakt abgebrochen ist.
00:05:44: also das ist vielleicht was für beide Seiten nochmal wichtig ist zu hören Entfremdungssituationen innerhalb von Familien haben meistens tiefe Wurzeln und eine lange Geschichte.
00:05:54: Das ist einfach Teil der Wahrheit!
00:05:57: Gucken wir uns mal die Forschungslage an, da muss ich direkt dazu sagen dass das schwierig ist.
00:06:04: also das ist methodisch schwierig und statistisch auch ein bisschen schwierig und es liegt einfach daran dass wenn man versucht irgendwie Forschung zu dem Thema zu machen Dann wird meistens eben nur eine Seite gehört.
00:06:17: Das liegt daran, wie die Versuchspersonen oder die Studienteilnehmer und Teilnehmerinnen überhaupt rekrutiert werden können – das passiert zum Beispiel in Online-Fohren, in Selbsthilfegruppen oder über Aufrufe in bestimmten Communities z.B.
00:06:31: über Social Media.
00:06:32: Und das bedeutet dass die Menschen, die dann daran teilnehmen an dieser Studie ja meistens ihre eigene Erzählung haben über das was passiert ist und wie es zu dem Kontakterbruch kam.
00:06:42: Aber es gibt kein sogenanntes Matched-Sample, das heißt die genau zu dieser Kontaktabbruchgeschichte gehörende Gegengeschichte.
00:06:52: Also das andere Puzzleteil – Das fehlt sozusagen!
00:06:55: Es gibt so gut wie keine Studie wo die gleiche Entfremdungsgeschichte von beiden Seiten untersucht wird.
00:07:02: Also es ist methodisch nicht ganz leicht, überhaupt einen Überblick zu bekommen.
00:07:07: Was ist denn da so los?
00:07:08: Und das ist ein bisschen das Problem was wir in der Forschung haben.
00:07:12: Es scheint aber eine Zahl zu geben die vielleicht ganz aussagekräftig ist von Becker und Hunk, zwanzig zweiundzwanzig Die sagen dass zwanzich Prozent der befragten Erwachsenen zumindest mal eine Entfremdungsphase vom Vater hatte und neun Prozent Der Erwachsenen hatte eine Entfremdungsphase von der Mutter und das über ein zehn Jahreszeitraum.
00:07:35: Also, zwanzig Prozent der Erwachsenden in zehn Jahren haben eine Phase von Kontaktabbruch mit Vater und Mutter – und ich finde da steckt aber direkt eine interessante Information drin!
00:07:45: Es scheint nämlich wirklich so zu sein dass es zu selektiven Kontaktabbrauch kommt.
00:07:50: sagen wir das mal so, dass wenn jemand Eltern hat Es durchaus vorkommen kann, dass man nur noch zu einem Elternteil Kontakt hat und zu dem anderen Elternteil nicht.
00:07:59: Das kann zum Beispiel vor allen Dingen dadurch begünstigt werden das wenn Eltern sich trennen und auch nicht mehr in einem Haushalt leben.
00:08:05: Dass dann das der erwachsene Kind zu dem einen Elterenteil den Kontakt hält und statistisch gesehen scheint das eher die Mutter zu sein, zu der der Kontakt mehr aufrecht erhalten wird.
00:08:15: Und die Beziehung zum Vater scheint eher brüchig zu
00:08:18: sein.".
00:08:19: Als ich das gelesen habe ist mir direkt so ein Social Media Post von einer Künstlerin in den Kopf gekommen – das war scherzhaft gemeint!
00:08:26: Ich musste auch darüber lachen und sie hat ein Video gemacht und hat es so dargestellt dass sie sagt wenn mein Vater wissen möchte wie's mir geht dann sagt er sowas wie Na?
00:08:34: Wie ist denn so der Ölstand in deinem Auto und wie ist denn der Kilometerstand?
00:08:38: Oder, und bist du die A-vierzig oder die A zweiundvierzig gefahren?
00:08:42: Und ganz viele Leute haben kommentiert so ja ist das gleiche bei mir.
00:08:46: Und ich selber auch.
00:08:47: also die Gespräche mit meinem Vater drehen sich sehr viel um Autobahnen, um Staus, um Baustellen usw.
00:08:56: Das mag auf den ersten Blick vielleicht auch irgendwie lustig und niedlich wirken und wie gesagt Ich musste auch darüber lachen und habe da auch meinen eigenen Vater und unser Verhältnis drin erkannt.
00:09:05: aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch Vielleicht ein bisschen traurig und doch eine ehrliche Auskunft auch darüber, wie vielleicht insbesondere Väter einer bestimmten Generation sich auch schwer tun und schwer getan haben, offene herzliche Beziehungen zu ihren Kindern herzustellen.
00:09:21: Und das mag da rein spielen – dass offensichtlich Väter von Entfremdungsphasen stärker betroffen sind.
00:09:27: Aber die andere Information, die da drin steckt ist das es eben wie ich gerade schon sagte häufig Phasen sind und da steckt ja vielleicht auch ein bisschen was drin, was man so als Betroffene für sich mitnehmen kann.
00:09:39: Kontaktabbruch ist in einer großen Anzahl der Fälle eine Phase und kein Abbruch für immer.
00:09:48: Da steckt vielleicht schon ein bisschen Hoffnung drin dass die Entfremdung nicht unbedingt dauerhaft Und egal wo du jetzt gerade drin steckst und egal wie lange dieser Zustand schon dauert, möglicherweise ist das ja nicht irreversibel.
00:10:02: Da sage ich gleich noch was dazu.
00:10:04: Ich würde mich jetzt erstmal ein bisschen auf die Seite der Verlassenen konzentrieren Was überwiegend die Elternseite ist Und eine Mutter hatte uns wie gesagt geschrieben und ihren Schmerz geschildert und ihre Ratlosigkeit und da würde ich jetzt gerne direkt mal reingehen eine gewisse Amivalenz.
00:10:26: Also einerseits schon die durchaus ernst gemeinte Frage, was habe ich falsch gemacht?
00:10:32: Und das zeigt ja schon, dass deine Bereitschaft besteht sich mit den eigenen Anteilen an dieser Trennungsgeschichte und diese Entfremdung auseinanderzusetzen.
00:10:43: Wenn man dann aber tatsächlich mal in so Foren reinschaut für verlassene Eltern, dann sieht man aber dennoch irgendwie ein Muster von ganz viel Abwehr.
00:10:54: Also, dass da schon die Frage gestellt wird.
00:10:56: Was ist denn schief gelaufen oder was habe ich falsch gemacht?
00:10:58: Aber gleichzeitig wird dann direkt so etwas hinterhergeschoben wie Ich hab wirklich überhaupt gar keine Ahnung.
00:11:04: es kann nichts gravierendes gewesen sein.
00:11:06: Es ist nicht vorgefallen und das ist wahrscheinlich so Die Ambiguität der Zwiespalt den die betroffenen verlassenen Eltern tatsächlich spüren.
00:11:16: also Eltern berichten häufig Dass ihr Erwachsenes Kind ihn nie einen Grund genannt hätte, warum es zum Kontaktabbruch kam.
00:11:27: Aber gleichzeitig schildern sie dann häufig das es einen Abschiedsbrief gab oder eine lange WhatsApp- oder schon noch ein Gespräch.
00:11:36: und der Punkt ist nicht dass es wirklich keinen Grund gab oder kein Grund genannt wurde sondern dass diese Gründe die das Kind genannt hat für ungültig angesehen werden oder als übertrieben oder als Einfluss von außen.
00:11:54: Also das heißt, es gibt Schodengründe und die wurden auch genannt und die wurde auch thematisiert und die liegen auch teilweise schriftlich vor.
00:12:02: der Punkt ist nur dass die verlassenen Eltern DAS als Grund nicht anerkennen wollen oder können Und das ist so ein bisschen wie Menschen, dass eventuell auch aus zerbrechenen Beziehungen kennen.
00:12:13: Dass sie von der Ex-Partnerin oder dem Ex-Partner immer noch mal ein erklärendes Gespräch haben wollen weil die Erklärung, die Sie bekommen haben bisher ihnen irgendwie nicht ausreichen.
00:12:24: oder sie denken ja aber das kann doch der Grund nicht sein und sie wollen immer eine Erklärion, die auch für sie anschlussfähig ist um.
00:12:30: das passiert halt häufig nicht Und das kann natürlich mit einer psychologischen Abwehr zu tun haben.
00:12:36: Also wenn jetzt die eigene Identität als Elternteil zum Beispiel sehr zentral ist, also wenn man sich sehr stark auch übers Eltern sein, übers Mutter oder Vater sein identifiziert so dass die ehrliche Auseinandersetzung mit der Kritik, die jetzt von dem Kind kam diese innere Architektur sag ich mal, also das innere Konstrukt bedroht.
00:12:56: Dann ist das vielleicht auch Selbstschutz, dass man das als Mutter oder Vater nicht akzeptieren will was da als Kritik kam.
00:13:02: Oder das so wegwischen möchte und sagen ja das kann es ja nicht sein.
00:13:06: also das muss man vielleicht einmal so festhalten oder auch als verlassenes Elternteil überprüfen.
00:13:11: Wenn du als Mutter oder Vater der Meinung bist, es gab einen Kontaktabbruch und eine Entfremdung.
00:13:16: Und du weißt nicht warum, frag dich mal ehrlich ob das stimmt?
00:13:20: Ob dir wirklich kein einziger Grund genannt wurde oder ob du den Grund nicht akzeptierst – Das ist ein Unterschied!
00:13:30: ist die Partner oder Partnerinnen schuld, also so etwas wie mein Sohn hat sich total verändert seit er mit der neuen Frau zusammen ist.
00:13:39: Oder meine Tochter hat plötzlich Familienanschluss gefunden bei ihrem neuen Partner oder ihrer neuen Partnerin und seitdem erkenne ich meinen Kind nicht wieder.
00:13:50: Und da isst manchmal ein kleines Körnchen Wahrheit drin.
00:13:55: zumindest wenn man statistisch hinschaut scheint es häufiger zu Entfremdung und Kontaktabbrüchen zukommen, wenn eine Schwiegermutter-Schwiegertochterkonstellation schwierig ist.
00:14:07: Also Kontaktabbrauch betrifft häufiger die Eltern des Sohnes.
00:14:13: Aber da muss man sich natürlich auch fragen auf welcher Grundlage.
00:14:17: dennoch kam es denn dann zum Kontaktabrauch?
00:14:20: Wenn wir jetzt das Beispiel nehmen ist ein Sohn hat eine Partnerin.
00:14:25: Und dann gibt es Konflikte zwischen der Mutter des Sohnes und der neuen Partnerin des Sohnes.
00:14:30: Da geht's vielleicht um Solidarität oder um Loyalität, oder dass er durch die neue Partnerin – vielleicht auch erstmals in seinem Leben ein ganz anderes familiäres Miteinander kennenlernt?
00:14:42: Oder überhaupt erstmal ein Problembewusstsein entwickelt, das in der eigenen Herkunftsfamilie etwas so gar nicht rundläuft, was er aber bis dato als Normalität gar nicht anders kannte.
00:14:53: Und so weiter, also es mag schon sein dass durch neue Partner oder Partnerinnen und dadurch das neue Familien entstehen auch nochmal im Rückblick die eigene Familiengeschichte neu beleuchtet wird und dann erwachsene Kinder zu dem Schluss kommen können ey warte mal ich verstehe das jetzt erst wie schief das bei uns eigentlich die ganze Zeit gelaufen ist?
00:15:14: Das heißt ja daran, dass die Partnerin oder der Partner des Kindes einen Anteil hat.
00:15:19: Da mag was dran sein.
00:15:21: Gleichzeitig ist es aber auch möglich das diese Externalisierung wenn wir uns schon mit der sogenannten Schuldfrage befassen also wer ist jetzt schuld an dem Abbruch natürlich auch wiederum den Selbstwert schützt und es für manche Eltern vielleicht auch ein bisschen angenehmer ist zu sagen da kam jemand von außen und er hat unser System gesprengt anstatt zu schauen, naja welche Risse hatten wir denn in unserem System?
00:15:46: Und was war eventuell auch mein Anteil.
00:15:49: In den seltensten Fällen gibt es eine einzige Erklärung sondern das ist ja eine Dynamik.
00:15:54: und wenn man die Familie versteht als ein System aus verschiedenen Menschen, die miteinander interagieren und aufeinander reagieren dann ist es immer ein bisschen zu kurz gegriffen zu sagen Eine Person hat alles verursacht.
00:16:08: Was total schwierig ist, wenn wir überverlassene Eltern sprechen, ist die Traurigkeit der Schock.
00:16:15: Die Verzweiflung, die da drin liegen kann und gleichzeitig gibt es genau dafür in der Gesellschaft – obwohl das nicht so selten ist wie ich schon sagte gar nicht eine richtige Form von Trauer.
00:16:27: Es ist häufig so dass Eltern sich Schämen nicht gerne offen machen, wenn der Kontakt zu den eigenen Kindern abgebrochen ist.
00:16:35: Das heißt sie fühlen sich in dieser Art von Trauer und Verzweiflung häufig auch ganz allein gelassen.
00:16:40: dafür gibt es nicht so was wie ein Ritual Man kriegt keine Kondolenzkarten und keine Beileitsbekundungen, wenn Kinder den Kontakt abgebrochen haben.
00:16:49: Man ist total traurig und man hat einen schlimmen Verlust erlitten der sich ja vielleicht nicht nur auf die eigenen Kinder sondern möglicherweise auch auf die eigene Enkelkinder erstreckt oder Enkelkindern die vielleicht noch geboren werden wo man jetzt schon ahnt ich werde sie vielleicht nie sehen Ich werd keinen Teil von deren Leben sein.
00:17:06: Dafür gibt es den Begriff des sogenannten ambiguous loss, also den Ambiegenverlust.
00:17:13: Das ist ein Verlust der besteht obwohl die Person noch lebt aber sie ist gleichzeitig denn noch weg und das ist für Menschen schmerzhaft.
00:17:23: und an jedem Geburtstag, an jedem Weihnachtsfest oder Zuckerfest oder zur Geburt des Enkels oder was auch immer wenn man familiär eigentlich sich vorstellt, jetzt würden wir zusammensitzen und jetzt hätten wir eine Zeit.
00:17:36: Ist diese Trauer ganz spürbar?
00:17:39: Und es ist aber eben anders wie bei der Trauer um eine verstorbene Person mit der man sich irgendwann arrangiert und die dann einfach irgendwann auch einen Platz im eigenen Leben hat und integriert wird.
00:17:51: Diese Entfremdungstrauer hat keinen richtigen Abschluss weil Gleichzeitig die Hoffnung häufig noch besteht, dass irgendwann wieder Kontakt bestehen könnte.
00:18:03: Und was verlassene Eltern außerdem stark trifft ist auch – was ich eben schon sagte so etwas als wenn irgendwann mal Enkel geboren werden?
00:18:09: Also das heißt, die Trauer bezieht sich häufig nicht nur auf den Verlust der passiert ist, den Verlust der Beziehung, die man hatte.
00:18:18: Sondern es gibt auch so einen sogenannten antizipatorischen Verluss das heißt auch nach vorne zu schauen und sich vorzustellen älter zu werden vielleicht auch sogar irgendwann aus diesem Leben zu gehen ohne eine Versöhnung erlebt zu haben ohne nochmal zusammengesessen zu haben Ohne noch mal eine unbeschwerte schöne Zeit miteinander gehabt zu haben ohne Enkelkinder kennengelernt zu haben usw.
00:18:42: Das ist etwas was die verlassenen Eltern oder auch verlassenen Großeltern ganz stark umtreibt.
00:18:48: Und da habe ich auch ganz viel Mitgefühl dafür und unabhängig davon, wie der Kontaktabbruch zustande kam oder worauf der Fuße, stell' ich mir das wirklich auch schwer
00:18:58: vor.".
00:18:59: Entfremdung in Familien scheint mit einer niedrigeren Lebenszufriedenheit und einer erhöhten Gefahr für Depression?
00:19:07: assoziiert zu sein, wobei man das eventuell auch in beide Richtungen denken kann.
00:19:12: Also jemand der sich von seiner Familie entfremdet mag dadurch eher depressiv werden.
00:19:18: es kann aber auch sein dass jemand der depressiv ist und sich selber vielleicht auch als Belastung für andere erlebt oder aufgrund der depressiven Stimmungslage ganz Kraftlos ist und nicht gut Schaftkontakte aufrechtzuerhalten, dass das auch zur Entfremdung beiträgt.
00:19:35: Also nur weil etwas assoziiert ist sagt es noch nichts über die Kausalität.
00:19:40: Es ist trotzdem ein bemerkenswerter Befund Und dieser Zusammenhang scheint für Töchter ausgeprägter zu sein als Für Söhne Was eventuell damit zu tun hat, dass gesellschaftlich gesehen immer noch Und weiterhin Frauen und damit auch eben Töchter stärker positioniert werden als diejenigen, die die Familie zusammenhalten sollen.
00:20:03: Die die Kontakte aufrecht erhalten sollen, die Skiflagen ausbügeln sollen usw.
00:20:08: Das ist immer noch gesellschaftlich und strukturell stark verankert so dass wenn das alles nicht funktioniert und es kommt zur Entfremdung nicht nur unter dem Umstand an sich, sondern teilweise auch unter dem Stigma.
00:20:23: Was damit einhergeht und der gesellschaftlichen Erwartung die an sie speziell als Frau gerichtet wird stärker zu leiden scheinen als die Männer.
00:20:31: Ja!
00:20:32: Und dann kommen wir jetzt mal zur anderen Seite.
00:20:33: das ist die Seite derjenigen die den Kontakt abgebrochen haben.
00:20:38: und da muss man ganz klar sagen es ist ein sehr zentraler Befund dass die allermeisten Menschen bevor sie den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen häufig jahrelang versucht haben, in welcher Art und Weise auch immer gehört zu werden gesehen zu werden verstanden zu werden.
00:20:57: Also die meisten erwachsenen Kinder, die sich dann entscheiden keinen Kontakt mehr haben zu wollen geben das zumindest selber an dass sie mehrfach versucht haben eine Beziehung aufzubauen oder wiederherzustellen bevor sie sich endgültig distanziert haben.
00:21:13: Und das widerspricht total der Darstellung in den meisten Elternforen, wo es häufig eher so geschildert wird – das war impulsiv und das Kind ist undankbar!
00:21:23: Das ist jetzt einfach gegangen ohne auch nur noch einmal zurückzuschauen.
00:21:27: Das erleben die Kinder anders.
00:21:30: Die sagen häufig, dass war ein total langer
00:21:33: Weg.".
00:21:34: Und es ist eben häufig keine impulsive Entscheidung und hat auch gar nichts mit Undankbarkeit zu tun, sondern das muss man klar so benennen.
00:21:42: Die meisten erwachsenen Kinder die keinen Kontakt zu ihren Eltern haben wollen geben emotionalem physischen oder sogar sexuellem Missbrauch als Gründe an Vernachlässigung, Substanzmissbrauch der Eltern.
00:21:56: also das sind keine Lappalien, sehr gravierende Umstände unter denen die Kinder teilweise jahrelang gelitten haben, mit denen sie versucht haben sich zu arrangieren.
00:22:10: Wo Sie versucht haben ein Leben damit zu führen und irgendwann tatsächlich das empfinden haben ich muss mich schützen!
00:22:19: Das geht so nicht.
00:22:20: meine eigene psychische Gesundheit nimmt einen anhaltenden oder fortgeführten Schaden innerhalb dieser Familiendynamik.
00:22:28: Also da gibt es ein erheblich verschobenes Bild in den Elternforen versus den Kinderforen, wenn die sich darüber austauschen wie zum Kontaktabbruch kamen.
00:22:39: und ein anderer gravierender Grund sind ideologische Differenzen und damit ist alles gemein.
00:22:45: also
00:22:45: z.B.,
00:22:46: wenn ein queeres Kind auf sehr religiöse Eltern trifft, die das verurteilen und dem Kind deutlich zu verstehen geben.
00:22:53: Dass sie es so nicht haben wollen aber jede Art von ideologischer Differenz.
00:22:56: also ich hatte neulich auch mit einem Fall zu tun wo jemand gesagt hat meine Eltern schwurbeln.
00:23:03: Das sind für mich unerträglich unwissenschaftliche Menschen die absurdisten und teilweise gefährlichsten Dinge verbreiten Und Ich möchte wieder mich selbst dem aussetzen.
00:23:15: noch meine Kinder.
00:23:16: Also häufig sind Es eben irgendwelche Arten von gravierenden ideologischen Differenzen, die Familien auseinanderreißen können.
00:23:23: Ein Risikofaktor ist auch älterliche Scheidung.
00:23:28: Wenn Eltern sich scheiden ... Ist das wie so eine Art Solbruchstelle, dass dann auch die gesamte Familie einen Riss erleidet?
00:23:38: Wenn die Eltern sich trennen ist es manchmal so, dass sich dann auch der Erwachsenen Kinder für oder gegen eine Seite positionieren und sich solidarisch zeigen.
00:23:46: Und jeweils zum anderen Elternteil aber dann der Kontakt abbricht.
00:23:49: Was diejenigen, die den Kontaktabbruch initiieren überwiegend die Kinder empfinden, ist ja trotzdem nicht schön sondern auch die Empfinden Schuldgefühle.
00:24:00: Sie fühlen sich auch verpflichtet eigentlich und viele haben natürlich auch eine stark internalisierte Normvorstellung, also dass man seine Eltern nicht verlassen darf.
00:24:10: Viele hören das häufig auch als Reaktion wenn sie erzählen, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter oder ihrem Vater haben, dass dann so entsetzte Reaktionen kommen ja aber das sind doch deine Eltern schürt die Schuldgefühle.
00:24:23: Und das steht aber natürlich intern mit der Überzeugung in Konflikt, dass man eben merkt ja, aber der Kontakt schadet mir!
00:24:29: Also es gibt eine starke Erwartungshaltung an mich, dass ich diesen Kontakt irgendwie aufrechterhalte und möglich mache... Aber der Preis wäre eben, dass Ich Schaden nehme.
00:24:38: Das gehört zu dem Miss-Match was ich ja schon angedeutet hatte, dass der Schmerz den Kinder empfinden innerhalb ihres Familiensystems von Seiten der Eltern gar nicht akzeptiert und auch gar nicht anerkannt wird, teilweise auch gesellschaftlich nicht oder überhaupt vom erweiterten Familienkontext.
00:24:56: Dass das so abgetan wird als lächerlich und übertrieben und überhaupt nicht real.
00:25:01: Aber genau diese Art Gefühle der Kinder als lächelig nicht real und übetrieben wahrzunehmen ist häufig Teil des Problems.
00:25:09: also wenn man in einer Familie groß geworden ist wo der eigene Schmerz So weggewischt wird, nicht anerkannt wird.
00:25:16: Wo der es als zu empfindlich oder als nicht dankbar deklariert wird ist das ja genau Teil des Problems dass sich dann eben auch nach dem Kontaktabbruch fortsetzt.
00:25:26: Ich erlebe das selber häufig in meiner Community In meiner Sisu-Community.
00:25:31: ich habe ja so ein Online-Programm Dass ich selber persönlich begleite und da sind einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen auch schon Jahre lang Und teilen da auch ihre Lebenserfahrungen.
00:25:41: Wir besprechen häufig Themen und viele von uns haben älter werdende Eltern, die eigentlich auf Unterstützung angewiesen sind.
00:25:48: Die eigentlich dringend jemand brauchen, der sich jetzt kümmert.
00:25:50: Und es ist da immer wieder auch die Fragestellung wie verpflichtet bin ich jetzt?
00:25:56: Wie viel Fürsorge muss ich jetzt meinen älternenden Eltern entgegenbringen, die mir vielleicht gerade mal so das zu erwartende Minimum an Fürsorger entgegengebracht haben?
00:26:09: Was muss ich jetzt tun?
00:26:11: Und das ist häufig so eine moralische Frage, der sich dann viele auch ausgesetzt sehen.
00:26:16: Da erlebe ich immer wie es aufeinandertrifft und einige ganz klar formulieren, die haben mich großgezogen... Und jetzt bin ich halt für Sie da.
00:26:25: Aber das kann nicht jeder so sehen, weil man natürlich auch argumentieren kann, naja aber geboren zu werden war ja nicht meine Idee sondern meine Eltern haben mich als Kind bekommen und inwiefern erwächst daraus eine Verpflichtung für mich zumal wenn sie sich mir gegenüber nicht... gut verhalten haben.
00:26:44: Und ich erlebe das häufig so, dass erwachsene Kinder sich um Hilfe bedürftige Eltern oder Pflegebedürftigen Eltern in der Tat so verhalten wie sie sich gefühlt haben, wie mit ihnen umgegangen wurde als wäre das so ein Echo- oder ein Spiegelbild.
00:27:01: also wenn du dich von deinen Eltern barsch und kalt behandelt gefühld hast und wenn deine Eltern im Umgang ungnädig waren oder regede, abwertend.
00:27:12: Dann spiegelt sich genau das häufig auch in dem wieder wie du dann später mit deinen Eltern umgehst und darin liegt kein Vorwurf.
00:27:20: Das ist eine Beobachtung die ich einfach jetzt in der Therapie und auch in meiner Community immer wieder mache.
00:27:26: Und es gibt Kinder aus vollem Herzen ihre Eltern gerne unterstützen Die lieben und für die da sind.
00:27:33: aber das fällt nicht vom Himmel sondern auch das fußt ja auf einer gemeinsamen langen Geschichte.
00:27:39: Die juristische Dimension lasse ich jetzt mal außen vor, also das ist manchmal auch schwierig, dass bei einem Kontaktabbruch trotzdem manchmal Kinder für den Elternunterhalt aufkommen müssen und umgekehrt Eltern auch trotzdem Unterhalt für ihre Kinder gewährleisten müssen bis zu ne bestimmten Grad auch wenn kein Kontakt besteht.
00:27:58: Das finden viele manchmal extra unangenehmen.
00:28:02: Also man kann den Kontakt abbrechen, man muss aber trotzdem zahlen Aber das verschärft eher Gefühle, die sowieso schon im Raum stehen.
00:28:10: Ja und Gefühlen, die noch im Raum steh'n.
00:28:11: bei denen, die den Kontakt abbrechen hatte ich schon gesagt Schuldgefühle Trauer sind da auch gegeben aber ja auch Erleichterung Und auch das Gefühl von endlich frei sein zu können Endlich sein zu Können Wer man ist, endlich eine immense Belastung los geworden zu sein Das coexistiert dass es sozusagen gleichzeitig fühlbar.
00:28:34: Beide Parteien, also sowohl die, die den Kontakt abgebrochen haben als auch die mit denen der Kontakt abgebrochen wurde erleben das als Stigmatisierung.
00:28:45: Beide erleben als gesellschaftliche Standardreaktion so was wie?
00:28:49: aber das sind doch deine Eltern oder aber das ist doch deine Kinder?
00:28:53: ja genau und trotzdem kommt sowas vor.
00:28:55: trotzdem ist es nicht selten und trotzdem gibt es meistens gute Gründe.
00:29:01: Aber beide Seiten empfinden Scham, Rechtfertigungsdruck und Stigmatisierung.
00:29:07: Und interessanterweise vor allen Dingen wenn es an sowas wie Geburtstage oder Muttertage oder egal welche Feiertage geht Lese ich sogar in den Foren komplett widersprüchliche Hinweise.
00:29:20: In den Elternforen gibt es häufig so Hinweise oder Ermunterungen, wie schreib doch mal eine Karte, zeig das du weiterhin am Kontakt interessiert bist, gib ein Zeichen dass du dein Kind nicht vergessen hast, dass du weiterhin gerne Kontakt hättest.
00:29:33: aber genau diese Karten und insbesondere wenn sie dann noch mit Geschenken versehen sind oder mit Geld werden auf der Kinderseite häufig als wahnsinnige Grenzüberschreitungen erlebt, als ein erneuter Beweis dafür dass die Eltern keine Grenze respektieren das sie nicht in der Lage sind das Signal zu verstehen und das erlebe ich auch als außerordentliches Missmatch.
00:29:59: Und Ich weiß auch gar nicht was ich da Hilfe suchenden Eltern ernsthaft empfehlen würde Weil ja zu signalisieren, dass man weiterhin den Kontakt gerne hätte.
00:30:09: Dass man sein Kind liebt und sich auch ehrlich anhören möchte was man falsch gemacht hat um die Beziehung auf gesündere Beine zu stellen das sind schon vielleicht alles gute Signale aber wenn sie so daherkommen dass man sich ins Leben drücken möchte und dadurch eine Grenz überschreitet dann ist es natürlich ein Problem.
00:30:30: Und genau diese Verhärtung ist tatsächlich ein großes Problem.
00:30:35: Wie ich schon sagte, die beiden Welten der getrennten Kinder und der entfremdeten Eltern sind getrennt.
00:30:42: Die sprechen nicht mehr miteinander, die sprechen übereinander... Und jede der beiden Gruppen hat so ihre eigenen Narrative, ihre eigene Geschichten und ihre eigenen Feindbilder.
00:30:52: In den Eltern- und Großelterngruppen die verlassen wurden gibt es zum Beispiel die Vermutung dass TikTok, Social Media oder auch Therapie dazu beitragen Kinder zum Abbruch zu animieren.
00:31:05: das ist wie eine Art Gehirnwäsche gäbe Kontaktabbruch jetzt als selbst für Sorge zu framing und das dadurch wahnsinnig vielen Eltern unrecht getan wird.
00:31:15: Und ich verstehe auch, wie dieser Eindruck zustande kommt.
00:31:18: Na klar ist es so dass wenn es mutige Vorbilder gibt oder wenn in der Therapie erstmals ein Schmerz benannt werden darf, dass in der Folge vielleicht eine Kaskade lostritt die irgendwann in den Kontaktabbruch mündet.
00:31:33: aber nochmal hat häufig eine lange Geschichte und ich halte es für ausgeschlossen, dass Social Media einem einreden kann sich mal lieber von den Eltern zu trennen wenn die Beziehung tiptop-und in Ordnung ist.
00:31:47: Das ist glaube ich eine eher zu einseitige Erzählung zu dem Thema.
00:31:51: Ich habe in meiner therapeutischen Praxis natürlich etliche Kontaktabbrüche.
00:31:56: Ich habe keine Statistik darüber, da kann ich jetzt nur aus meiner eigenen Erfahrung erzählen, aus der Praxis wie unglaublich schwer sich Menschen damit tun den Kontakt wirklich abzubrechen.
00:32:07: Es gibt unterschiedliche Abstufen davon zum Beispiel Kontakt zu haben aber sich emotional zu distanzieren also sich innerlich abzuschotten sowie vielleicht vergleichbar mit einer inneren Kündigung dass man einfach zwar einen oberflächlichen Kontakt aufrecht erhält sich abschottet, keine Beziehung mehr zulässt.
00:32:27: Sich nicht mehr emotional involviert.
00:32:29: Also viele Menschen versuchen vieles bevor sie den Kontakt abbrechen und ich kann aus meiner Sicht nur sagen das tatsächlich sehr häufig extrem schwierige um nicht zu sagen pathologische Strukturen eine Rolle spielen das von Nachlässigungen und missbräuchliches Verhalten eine Rolle spielen.
00:32:47: Und es entspricht tatsächlich überhaupt nicht meiner Beobachtung, wie es jetzt manchmal so dargestellt wird, dass jetzt jede familiäre Reibung gleich zum Missbrauch hochstilisiert würde... ...und jeder kleine Streit wird direkt umgedeutet.
00:33:03: Jetzt ist die Mutter plötzlich nazistisch oder so?
00:33:05: Also das erlebe ich tatsächlich überhaupt gar nicht so!
00:33:09: Sondern in meinen Augen ist es ganz überwiegend so, dass viele Kinder ihren Eltern sehr lange sehr vieles zugute halten und den Kontakt auch eigentlich halten möchten.
00:33:21: Also von daher kaufe ich persönlich diese Erzählung das jetzt Menschenreinweise Gehirn gewaschen werden durch Social Media Und dass das jetzt so ein Trend sei die Eltern zu verlassen unter dem Deckmantelchen der Selbstfürsorge Das sehe ich so nicht sondern ja Es ist manchmal ein Akt, der selbst für Sorge sich das nicht mehr anzutun.
00:33:42: Auch wenn das jetzt vielleicht Eltern nicht so gerne hören.
00:33:46: Problematisch finde ich eben häufig dass in den Selbsthilfegruppen die es ja gibt und auch in den Foren die es hier gibt natürlich jede Fraktion jedes Lager oder wie man's nennen möchte häufig die eigene Erzählung bestätigt bekommt.
00:34:01: Das ist nachvollziehbar und verständlich.
00:34:03: Und natürlich wünscht man sich auch Zuspruch zur eigenen Situation und Verständnis für die eigene Situation, aber dabei kommt eben manchmal genau das Verbindende oder das was die beiden wieder ernähren könnte zu kurz nämlich das Verständnes für die Position der anderen Seite und auch den Schmerz auf der anderen seite.
00:34:21: Ja, und was hilft jetzt eigentlich?
00:34:24: Also so Sprüche wie ja versucht man miteinander zu reden.
00:34:27: Die spare ich mir jetzt denn das zumindest zeigt die Forschung ja und das entspricht auch den Berichten derer, die die Kontakte abgebrochen haben.
00:34:35: diese Versuche gab es ja häufig jahrelang Und es hat sich halt nichts verändert Was zumindest die eigene Not erst mal ein bisschen lindern kann.
00:34:45: Und das hat jetzt nichts damit zu tun, dass Kontakt wieder hergestellt werden müsste sondern einfach nur damit es einem mit dem Kontaktabbruch nicht so schlecht geht.
00:34:53: Das ist... sich auszutauschen mit Gleichgesinnten.
00:34:56: Und ich habe gerade gesagt, na ja da wird vielleicht aber eher nur die eigene Sicht der Dinge validiert?
00:35:00: Ja!
00:35:01: Aber gleichzeitig indem man in seinem Schmerz, in seinem Leben validiert und unterstützt wird hat man zumindest nicht mehr so das Gefühl ganz allein damit zu sein.
00:35:09: Man fühlt sich weniger beschämt, weniger stigmatisiert.
00:35:13: also dass zusammen sein mit anderen die grade ähnliches durchmachen wirkt sich schon gut aus.
00:35:19: Also zum einen, dass man damit wirklich nicht allein ist und das Thema mal so ein bisschen aus der beschämten stigmatisierten Ecke rausholt.
00:35:27: Wie ich schon gesagt, das gilt für beide Seiten denn beide Seiten haben so das Erleben gesellschaftlich irgendwie unsichtbar zu sein Und da sind spezifisch Gruppenangebote vielleicht sogar hilfreicher als eine Einzelpsychotherapie.
00:35:41: Weil das ist natürlich so, wenn jemand zu mir in meine Praxis kommt, in die Einzelpsychotherapie und mir erzählt warum er oder sie den Kontakt abgebrochen hat dann höre ich diese Geschichte.
00:35:51: Die andere Geschichte kenne ich nicht!
00:35:53: Und umgekehrt habe ich auch schon mit verzweifelten Müttern und Väter gesprochen, die nicht verstehen warum ihr Kind sie verlassen hat – da höre Ich auch die Verzweiflung und die Seite des Kindes kenne die Begrenzung, die es im therapeutischen Raum manchmal gibt.
00:36:10: Und ich persönlich kann da nur den Schluss daraus ziehen, dass das nicht darum gehen kann, die eine Seite gegen die andere Seite auszuspielen oder pauschal zu behaupten.
00:36:20: Eine Seite hat immer Recht und die anderen nie.
00:36:23: Häufig haben beide Seiten das Gefühl, nicht richtig gehört zu werden – und ich würde mir natürlich wünschen, dass dieses Gespräch nicht nur in den voneinander getrennten Räumen stattfinden würde sondern jeweils miteinander.
00:36:36: Ich bleibe dabei, dass manchmal der Kontaktabbruch der einzige gesunde Weg ist wenn wir über schwer schädigende Familienverhältnisse sprechen.
00:36:46: das gibt es.
00:36:47: Es gibt aber auch Fälle in denen eine Dynamik irgendwie zementiert und verhärtet ist und wo's eigentlich darum gehen würde, dass einer sich mal ein Herz fasst und einen ehrlichen Schritt auf die andere Seite zugeht.
00:36:59: ich weiß nicht ob du in so einer Situation bist und was genau dein Fall ist Und das ist eben auch das Schwierige.
00:37:05: Jeder Fall ist da sehr individuell, es gibt keine pauschalen Ratschläge Es gibt keinen richtig und kein falsch Ob-und wie man in Kontakt treten kann.
00:37:15: Aber vielleicht wäre's hilfreich zumindest eine kleine Bereitschaft zu haben Die eigene Erzählung mal infrage zu stellen.
00:37:24: Das gilt für die verlassenen Eltern Das gilt aber auch Für die erwachsenen Kinder.
00:37:29: Also wenn Interesse besteht Irgendwann wieder eine Beziehung haben zu können, dann geht es wahrscheinlich nicht ohne Respekt und Anerkennnis der anderen Perspektive.
00:37:41: Diese ist natürlich nur ein Podcast der Information und ein bisschen der Unterhaltung dient und kleine Denkanstubse geben kann.
00:37:50: wenn du wirklich schwer betroffen bist Wenn Du den Eindruck hast unter der Situation starkzuleiden vielleicht auch depressive Symptome zu entwickeln Oder in deiner Trauer- und Verzweiflung ganz allein zu sein, dann sucht ihr Bitte, Unterstützung vielleicht professionelle Unterstützung oder eine Selbsthilfegruppe.
00:38:08: Und ich verlinke Kontakte unter dieser Podcastfolge!
00:38:11: Für heute sage ich vielen Dank fürs Zuhören – und wir hören uns sehr gerne am nächsten Sonntag wieder!
00:38:17: Tschüss!
00:38:36: Und natürlich nächste Woche wieder hier.
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